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Histotainment, Theater / Drama

GIFT – Das Leben und Töten der Anna Margaretha Zwanziger

Psychologie einer oberfränkischen Serienmörderin

Autor: Christiane Reichert
Besetzung: Damen 1
Dauer: 90–110 Min.
UA: 2013 Landesbühne Oberfranken
DE: 2013 Landesbühne Oberfranken

Cantus Empfehlung: Ein bemerkenswertes Stück, das das Publikum motiviert über herrschende Systeme und die Selbstbestimmung des Menschen auch in der heutigen Zeit zu reflektieren.

Dieses psychologisch orientierte Stück erzählt das Leben der Giftmörderin Anna Margaretha Zwanziger, welche um 1808 in Oberfranken mehrere Menschen umbrachte und dafür 1811 geköpft wurde. Der Zuschauer begleitet Anna von Kindesbeinen an bis zum ihrem unausweichlichen Gang zum Schafott mit 51 und wird dabei quasi zu ihrem Mitwisser, Verbündeten und Vertrauten.

Eine moderne Parabel von weiblicher Unterdrückung, fehlender Gleichberechtigung, moralischer Mitschuld und Selbsterkenntnis.

Besetzungsliste

Anna – Im ersten Bild 5 Jahre alt. Kindlich-naiv meistert erzählt sie von ihrer chancenlosen Kindheit als Vollwaise. Im zweiten Bild ein quirrliger Teenager, keck, frech und aufmüpfig. Im dritten Bild 18 Jahre alt. Sie muss auf dem Strich anschaffen und tut dies vulgär und schamlos. Im vierten Bild Mit-Dreissigerin. Der Versuch eines Neuanfangs als Dienstmädchen in Wien. Im fünften Bild 36 Jahre alt. Ein seltener Moment romantischen Glücks. Im sechsten bis achten Bild eine frustrierte End-Vierzigerin. Allmählich aufsteigende Wahnvorstellungen und die immer verzweifelter werdende Suche nach Liebe und Zuneigung lassen sie zur Mörderin werden. Im neunten Bild 51 Jahre alt. Der Gang zum Schafott.

Inszenierung

Ort der Handlung ist nicht klar definiert. Das Stück kann überall und nirgendwo spielen. Damals und heute. Ein Stuhl ist das einzige Bühnenelement. In jeder Szene bringt Anna ein Requisit mit auf die Bühne, das die jeweilige Szene beschreibt und dann auf der Bühne verbleibt.

Erster Akt: Eine Puppe, eine Schiefertafel, eine Weinflasche, ein Koffer, ein Brief.
Zweiter Akt: Ein Banner, eine Rose.

Ausführliche Synopsis

Das Stück beginnt in Nürnberg im Jahre 1795. Die fünfjährige Anna erzählt kindlich-naiv von ihrer chancenlosen Kindheit als Vollwaise, die von einer Pflegefamilie zur nächsten geschoben wird. Kurze Hoffnung gibt das Auftauchen eines Vormunds, der Anna zu sich nimmt und ihr umfassende Bildung angedeien lässt, was für Frauen in ländlicher Region zur damaligen Zeit äusserst selten ist. Mit 18 folgt eine Zwangsheirat mit einem wesentlich älteren Mann, die sich schnell als verheerende Mischung aus Armut, Alkoholismus und Gewalt in der Ehe herausstellt. Anna ist gewungen sich zu prostituieren. Nach dem Tod des Mannes ist sie gezwungen, selbst für ihr Auskommen zu sorgen und verdient sich als Haushälterin in Wien. Von dort wieder nach Nürnberg zurückgekehrt erlebt sie mit 36 ihre große Liebe mit einem Freiherren, dessen Geliebte sie wird. Als dieser sie fallen lässt, sucht sie die Rettung im Freitod.

Der zweite Teil beginnt mit Annas langjähriger Odyssee durch Franken. 10 Jahre lang wechselt sie von Arbeitsstätte zu Arbeitsstätte, ist rast- und ruhelos und auf der ständigen Suche nach einem Zuhause, nach Liebe und Zuneigung und einem Platz im Leben. Mehrfach glaubt sie diesen bei ihren jeweiligen Arbeitgebern gefunden zu haben. Um diesen Platz zu verteidigen, geht sie über Leichen. Ihr erstes Opfer im Jahre 1808 wird die Gattin ihres Arbeitgebers Amtmann Glaser, die sie als „eines so wunderbaren Mannes unwürdig“ empfindet. Das zweite Opfer wird ihr Vorgesetzter Amtmann Grohmann: Sie hört von seinen Heiratsplänen und bringt ihn um, aus Angst ihn zu verlieren. Zu spät erkennt sie, dass eigentlich sie selbst die Braut sein sollte.

Danach gibt es kein Halten mehr: In ihrer letzten Wirkungsstätte versucht sie fast jeden umzubringen. Bei der Gattin ihres Arbeitgebers gelingt es, bei deren Kind und den verschiedenen Angestellten und Hausgästen misslingt es. Anna wird überführt und landet 1811 auf dem Schafott. Während sie sich in der letzten Szene langsam auszieht, um im Sünderhemd ihrem Richter entgegenzugehen, rechnet sie noch einmal mit allen Personen ihres Lebens ab und beteuert ihre moralische Unschuld.

Pressestimmen

„Dieser Theaterabend machte Lust auf mehr. (…) Ob Anna Margaretha Zwanziger letztendlich die Täterin oder doch nur ein Opfer der damaligen Lebensumstände war, musste jeder Zuschauer für sich entscheiden. (…) Die Lebensweisheit von Anna Margaretha Zwanziger gilt heute noch – selbst wenn sie eine Mörderin war: „Jeder Mensch ist die Summe seiner Erfahrungen.“
Nordbayerische Nachrichten 2013

„Eine faszinierende und gleichermaßen betroffen machende Theateraufführung. (…) Mit dem Theaterstück „Gift“ gibt Christiane Reichert ihr erfolgsversprechendes Debut als Autorin. (…) Christiane Reichert zeichnet nicht das Bild eines Monsters, sondern hält der patriarchalischen Gesellschaft seinerzeit (oder auch der heutigen?) schonungslos den Spiegel vor.“
Frankenpost 2013

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