Auf Knall und Fall | Cantus Theaterverlag
Histotainment, Musical / Musiktheater, Oper, Operette, Theater / Drama

Auf Knall und Fall – Hoffmanns Erzählungen vom Unwesen

Ein Mirakel & Spektakel. Neu erzählt nach dem romantischen Nachtstück „Der Sandmann“ von E. T. A. HOFFMANN.

Autor: Erwin Isenberg
Musik: Gabriel Isenberg
Instrumentierung: Playback
Besetzung: Damen 3 / Herren 4
Dauer: abendfüllend

Cantus Empfehlung: In der Euphorie der Aufklärung und im Geist des Fortschrittsoptimismus‘ jener Zeit wünschte sich anfangs mancher, wenn es denn möglich wäre, den Menschen, gar einen besseren, selbst zu machen. Doch ist es überhaupt, nur, weil‘s beliebt, auch schon erlaubt?
Dass es ein Unwesen mit den selbstgeschaffenen Unwesen ist, zeigen die Ereignisse in dem Mirakel & Spektakel nach „Hoffmanns Erzählungen“, wenn das sinnenlose Monster, der vermeintliche Übermensch aus der Retorte, und Professor Spallanzanis vorgebliche Tochter Olympia als automatisiertes Menschenimitat „Auf Knall und Fall“ scheitern. Gut so! Naiv und lachhaft. Jedoch versöhnlich im Hinblick auf, dass Sein, so wie wir sind.

Kurzbeschreibung

Es geht in diesem Bühnenstück um Ereignisse, die VOM UNWESEN mit DEN UNWESEN handeln. Im Ersten Akt kommt es am Ende zum Knall und im Zweiten zum Fall. Also auf KNALL UND FALL, so einfach ist das. Aufregend zwar, in der Quintessenz aber nach allem beruhigend.

AUFREGEND: EIN SANDMANN DER ANDEREN ART – Das Nachtstück „DER SANDMANN“ von E.T.A. HOFFMANN, Altmeister der Schwarzen Romantik, ist – anders als die diminutive Variante in der Gestalt des „Sandmännchens“, das gewöhnlich als kinderfreundliche Einschlafhilfe herhalten muss – ein ziemlich aufrührender Thrill. Die Altvorderen erzählten in ihrer drastischen Art, dass der Sandmann zu den Kindern komme, wenn sie am Abend nicht einschlafen wollten, und ihnen Hände voll Sand in die Augen werfe, so dass sie ihnen, wund gerieben, blutig zum Kopf heraussprängen. Er stecke die Augen dann in einen Sack und trüge sie hinauf zum Mond. Dort säßen seine eigenen Kinder, denen es an Augen fehle. Kaum, dass er sie ihnen eingefügt habe, kämen aber nachts die Eulen und pickten sie mit ihren krummen Schnäbeln wieder heraus. So müsse der Sandmann immer wieder aufs Neue von den Menschenkindern Augen besorgen.

Autor/Komponist

Besetzung/Rollen/Charakter

Besetzung:

  • Damen/Anzahl: 3* + 1 Nebenrolle | *Darunter ggf. eine Jungschauspielerin in einer Knabenrolle
  • Herren/Anzahl: 4 + 2 Nebenrollen

Rollen → als Doppelrolle:

  1. Nathalie → Olýmpia
  2. Nathánaël als Kind
  3. Nathánaël als Erwachsener
  4. Der Apotheker → Professor Spallanzani
  5. Coppélius → Cóppola
  6. Diener Cochenílle
  7. Mutter → Madame mit Hörrohr
  8. Eine weitere Madame
  9. Student
  10. Noch ein Student

Orchestrierung:

  • Instrumentaleinlagen als eingespielte Tonaufnahmen
  • Musikalische Vorlagen nach dem Vorspiel und I. Akt zu „Hoffmanns Erzählungen“, von JACQUES OFFENBACH, bearbeitet von Gabriel Isenberg.
  • Kleines Ensemble: Piano, Querflöte, Saxophon, Kontrabass, Schlagwerk

Bühnenbild/Inszenierung

Bühnenbau-Konzept:

  • Auf der Bühnenmitte zwei Etagen.
  • In der Szenenfolge wiederholter Wechsel zwischen der unteren und oberen Ebene. Zwischen diesen beiden Spielbereichen Aufgang über eine Wendeltreppe.
  • Oben im I. Akt Apotheker Hoffmanns geheimes Chemielabor, unten Schlafzimmer der Kinder mit zwei gegeneinander gestellten Betten.
  • Im I. Akt jeweils eine Klappe zum etagenverbindenden Schornstein. Darin ist ein Auf- und Abstieg nach und von oben möglich.
  • Der etagenartige Bühnenaufbau verbleibt während des gesamten Stücks, nur im II. Akt ist ein zunächst verdeckendes Fassadenteil nach außen zu verschieben.
  • Obere Fenster dieser (verschiebbaren) Fassadenhälfte als Projektionsfläche für große Augen u. andere Projektionen (Nachtgewölk, Vollmond, Mondkinder, Blitze, Feuer).
  • Im zweiten Akt wird vor die obere Ebene eine Balustrade gesetzt. An der nun frei sichtbaren Wendeltreppe befindet sich oben an der Mittelsäule ein Schwenkarm, von dem ein Sitz Korb durch eine Seilwinde nach unten herabgelassen werden kann.
  • Lebensgroße Puppe (Olympia), in Einzelteile zerlegbar.

Ausführliche Synopsis

IM ERSTEN AKT erleben die Kinder von Apotheker Hoffmann, Nathanaël und Nathali, wie es in der Mansarde des elterlichen Hauses zur Explosion, zum besagten Knall kommt. Ihr Vater und Coppelius, der unheimliche Fremde – die vermeintliche Inkarnation des ominösen Sandmanns, zumal er sich immer erst nach dem Zubettgehen der Kinder in dem verbotenen Dachzimmer über ihrer Schlafstube einfindet – hatten sich verschworen, auf alchemistischem Wege, nach der Art von trial & error und mit „wirr-rationalen“ Zutaten, das „Ewige Leben“ zu erwirken. Stattdessen generierten sie ein „Über-Ich“ bzw. ein über sie kommendes, eigenständiges Monster. Allein, die Augen fehlten noch, so, dass es sich wie blöd verselbständigte und letzthin mit einem „Mordsknall“ in Luft auflöste.

 

IM ZWEITEN AKT: Nicht ein Homunculus aus einem Mix von aberwitzigen Zutaten, sondern das mechanische Menschenimitat „Olympia“ spielt darin eine Rolle. Wie es im ersten Akt dem Wurm, der sich zu einem sinnenlosen Monster aufgebläht hatte, an Augen mangelte, so fehlen sie nun auch Professor Spallanzani für sein liebreizendes Puppengeschöpf, das er vor geladener Gesellschaft als seine Tochter ausgibt. Nur der ominöse Coppola – verdächtig namensverwandt mit Coppelius –, nunmehr als Glaskünstler Anbieter von Wettergläsern und Brillen, verfügt vorgeblich über solche Augen.

Nathanaël, unterdessen zu einem jungen Mann herangewachsen, erwirbt von Coppola ein Perspektiv, das ihm eher sein Wunschbild als die Wirklichkeit jener Olympia vermittelt. Verliebt und somit vermeintlich sehenden Auges mit Blindheit geschlagen, merkt er nicht, dass auch der Menschenmacher Spallanzani nur einen faulen Zauber inszeniert. Als Coppola, der sich durch einen ungedeckten Scheck betrogen fühlt, seine Augen zurückverlangt und der Professor sie ihm vorenthält, zerstört er nicht nur die Puppe, sondern auch die Illusion, der sich Nathanaël in verliebter Selbsttäuschung hingegeben hat. Es ist ein tiefer Fall, für alle die auf den inszenierten Betrug hereingefallen sind.

 

DAS UNHEIMLICHE BEI LICHT BETRACHTET – Abgesehen vom Opernlibretto von JULES & PIERRE BARBIER und MICHEL CARRÉ zu HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN von JAQUES OFFENBACH, gibt es bereits Verfilmungen und Bühnenfassungen vom „SANDMANN“. Nun aber das vorliegende Theaterstück, das auch für jüngere Zuschauer geeignet sein sollte. Natürlich kann das nicht wie ein Psychogramm nur Schreckliches und Unbewältigtes abbilden, auch nicht bloß einem surrealen Spektakel als Selbstzweck dienen. Ebenso kann die Aufführung des horriblen „Nachtstücks“ vor jüngeren Zuschauern nicht das von E.T.A. HOFFMANN vorgesehene suizidale Finale zulassen. Der Tod – hier das katastrophale Ende einer Psychose – ist nicht wirklich eine Lösung. Was Angst macht, sollte beizeiten benannt und bekämpft werden, bevor es übermächtig wird. Das kann dadurch geschehen, dass man das Unheimliche bei Licht betrachten lässt und das Merkwürdige, das Geheimnisvolle wie Bedrohliche erklärlich wird. Auf die „Wenn-Dann-Beziehung“ (… wenn Schlaf, dann Sand in den Augen …) käme gewöhnlich die Erklärung durch den Mythos, hier vom Sandmann oder eben doch durch das Wissen um die Wirklichkeit.

 

BERUHIGEND ZU WISSEN – Unerklärliches ist jene Macht, die es unheimlich macht. Es am Ende zu wissen, ist hingegen die Lösung. Ob im ersten oder zweiten Akt: Wie auch immer sie ihr Unwesen treiben, die vermessenen Menschenmacher scheitern letzten Endes. Was soll der bessere Mensch auch sein?

Professor Spallanzanis vorgebliche Tochter, die er Olympia nennt, ist nur ein lächelnder, gelegentlich mit den Augen klimpernder Automat, der zu nichts anderem, als ein vieldeutiges „Ach!? Ach!?“ zu sagen, imstande ist. Als der um seinen Lohn betrogene – zumal der ihm ausgehändigte Scheck ungedeckt war – und deshalb aufgebrachte Coppola die Puppe in Stücke zerreißt, kommt ihre simple Mechanik zum Vorschein. „Ich glaub, sie hat ein Rad ab!“, konstatiert ein Gast, der ein Fragment des Räderwerks in Händen hält. Jenen künstlichen Geschöpfen fehlen nicht nur die Augen. Wenn sie denn echt wären, wären sie auch Fenster zu ihren Seelen. Doch sie haben gar keine, denn seelenlose Unwesen sind’s, mit denen hier ein Unwesen getrieben wird.

MAGISCH AUFGELADEN – Die Handlung im I. und II. Akt spielt gegen Ende des 18. Jahrhunderts, als viele noch glaubten, mit Alchemie und raffinierter Mechanik ließe sich alles richten. Fiktive Geschöpfe, die in der Euphorie der Aufklärung einen besseren, einen Übermenschen darstellen sollten, wurden für möglich erachtet, oftmals, wenn es denn realisierbar wäre, herbeigewünscht, aber auch für den keineswegs unmöglichen Fall, dass es misslingen sollte, befürchtet. Was im I. Akt letzthin selbst mit magischer Beschwörung dunkler Mächte („Bei des Zauberers Hirngebein, Fürst der Dunkelheit, erschein!“) in der Retorte nicht gelang, mochte nachmals, so im zweiten Akt vom Physikus Spallanzani, als menschenähnlicher Automat mechanisch konstruiert werden. Genau besehen war sein Machwerk aber nur „getürkt“.

 

ZEITLOSER UNGEIST– Man fragt sich, kann so eine Geschichte wie in diesem „Nachtstück“ noch zeitgemäß sein. In romantischen Erzählungen mag es mitunter fantastisch, wie aus märchenhafter Vergangenheit, aber nicht unbedingt realistisch zugehen. Unsere Gegenwart hingegen ist real. Doch ihre Komplexität – wir sitzen ohne Vorausblick mittendrin – ist darum keineswegs durchschaubarer. Geschichten aus der Vergangenheit, einige hundert Jahre alt, leben von der Erfahrung, die man aus ihnen ziehen konnte und immer noch kann. Sie machen uns für die Zukunft klug, gar weise, auf, dass wir nicht wiederholt dem Ungeist verfallen, den Menschen – um nur dieses Beispiel von vielen möglichen Torheiten zu nennen – selbst machen zu wollen.

So lassen sich am Ende als Moral von Hoffmanns Erzählungen auch Perspektiven und Konsequenzen für die heutige Zeit aufzeigen. Es geht um die aktuelle Diskussion einer humanen Machbarkeitsethik. Einen besseren Menschen zu erschaffen, entsprach vielleicht damals, wie uns HOFFMANNs ERZÄHLUNGEN eindringlich nahelegen, noch einem naiven Wunschdenken. Heute rückt allerdings vieles in den Bereich der realisierbaren Möglichkeiten. Desto mehr müssen wir jetzt um unser Sein achtsam sein.

 

GROßES THEATER – Die gereimte Wortkunst mag wie bei einem Versdrama zur Theatralik und Unwirklichkeit der „wunderlichen“ Handlung passen. Die Dialoge sind sozusagen „faustisch“ in Reimen verdichtet.

Wenn bei Gelegenheit die Worte pausieren, gibt Zwischenmusik den Gedanken freien Raum. Die Motive sind weitgehend aus dem Vorspiel und ersten Akt der Oper HOFFMANNS ERZÄHLUN-GEN gewählt.

Auch wenn sich die „Schwarze Romantik“ nahezu genüsslich mit den Schwächen, fatalen Sehnsüchten und Abgründen der Menschen beschäftigt, soll es im vorliegenden Stück doch nicht an amüsanten Dialogen mangeln. Wortwitz, der Rhythmus durch die in Reimen getaktete Sprache „wie du gereimt geredet hast, wie schön, wenn es im Gleichlaut mit den Worten passt“ und die Kurzweil durch die Turbulenz der Ereignisse sind selbstredend gewollt.

Auch wenn die hervorgebrachten Unwesen sinnenlos wie sinnlos erscheinen – sollen doch alle Sinne der Zuschauer „AUF KNALL UND FALL“, selbst mit Rauch und Feuerwerk, unter Donner und Blitz, mit Musik und Paukenschlag, hintergründigen Projektionen, Illusionen wie auch Personen – bizarren, versteht sich – bedient werden.

Hörprobe

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